EIN BESONDERER TAG

Jeder Tag ist ein neues Leben – wenn es uns gelingt, den Augenblick zu nutzen.

Zum Jahresanfang möchte ich dich zum einen öffnen für das “Wie kann ich den Augenblick nutzen” und zum anderen mein berührendes ganz persönliches Erleben mit dir teilen. 

Im vergangenen Oktober hatte ich den Impuls, meine Mutter einmal einfach so zu besuchen, ohne dass bestimmte Erledigungen anstanden.
So berichtete sie mir abends bei Musik und Kerzenschein von ihren ersten Liebesbriefen, die sie damals an meinen mittlerweile verstorbenen Vater geschrieben und von ihm erhalten hatte. Sie vermisste die Briefe schon länger, konnte meinen Vater nun jedoch nicht mehr fragen, wo sie nach dem Einzug in das betreute Wohnen geblieben waren. Nun hatte sie Zeit und die Briefe wiedergefunden und begonnen sie zu lesen – sie waren in der Reihenfolge nummeriert, wie sie abgesendet und beantwortet worden waren. Alle 61 gemeinsamen Jahre, begonnen in Hamburg, dann die Jahre in Afrika und die vielen Stationen danach in Deutschland wurde dieses Päckchen Briefe in einem Ledereinband gehütet und nun in ihr lebendig.

Am nächsten Morgen schlug ich ihr vor, eine Tour mit dem Auto nach Hamburg zu machen. Es war Sonntag, das Wetter war regnerisch und sie schon lange nicht mehr gut zu Fuß. So aber konnten wir als “Sonntagsfahrer” um die Alster tuckern und sie einfach ein bisschen optische Abwechslung tanken, dort, wo sie einst einmal mit meinem Vater spazierte und ihre Zukunft mit ihm entwarf.
In Hamburg angekommen erspähte sie die Philharmonie – mir war nicht bewusst, dass sie sie nur aus dem Fernsehen kannte – nun nicht mehr. Da kam mir der Gedanke, zu dem Krankenhaus zu fahren, wo sie und später auch ich meine Schwesternausbildung machte – nur, dass ich jetzt erstmals erfuhr, dass das Gebäude, was ich kannte, nicht das war, wo sie gelernt hatte.

Sie wusste die damalige Adresse und wir fanden das neu angestrichene Gebäude – äußerlich unverändert – direkt gegenüber vom Park am Weiher vor – wo sie sich mit meinem Vater in ihren Pausen verliebt traf – wo sie sich das Brot teilten, denn um sie herum waren nur Trümmer und Armut. Dort hatte nach ihrer beider Flucht aus Ostpreußen ein neues gemeinsames Leben begonnen. Ich konnte ihre Erinnerung förmlich spüren und wir waren nun wie zwei Kundschafter der Ursprünge. Ich fragte, ob sie dort auch gewohnt habe – sie erinnerte die Adresse der Kaufmannsfamilie, in der sie damals als Hausmädchen Anstellung und damit Verpflegung und Unterkunft gefunden hatte. Und auch hier stand in einer kleinen Sackgasse – zu unserem Erstaunen und ihrer großen Freude – noch das Haus. Inzwischen mit einem passenden Vorbau, wunderschön weiß gestrichen in seinem alten herrschaftlichen Baustil – klein wirkend inmitten großer Neubauten.

Im Auto herrschte eine so berührende Stille – ich hätte dort stundenlang mit ihr verweilen können.

Meine Mutter lehrte mich schon in ihren jungen Jahren, gut loszulassen und auf das Kommende zu vertrauen und in ihrem hohen Alter lehrt sie mich, den Moment auszuschöpfen und die Dankbarkeit immer in sich zu bewahren. Kein Wort über den Verlust ihres so geliebten Mannes, stattdessen Dankbarkeit für alles, was sie erlebten und auch darüber, so sagte sie wiederholend, dass ihm dieses Corona-Chaos erspart blieb und ihre körperliche Gebrechlichkeit zu erfahren.

Ich machte Fotos von den Gebäuden und wir legten ihre alten Bilder später darüber.

Sie sagte strahlend und so lebendig jung wirkend: Dass ich so viel Glückseligkeit im hohen Alter immer noch erfahre – kannst du dir vorstellen, wie ich fühle – es ist so unbeschreiblich. Wie schade, dass in all den Jahren so viel von dem eigentlich Wichtigen überdeckt ist von zeitfressendem Unwichtigen. Egal – ich bin einfach nur soooo dankbar und so glücklich. Was für ein Tag!

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